Was ist Rechenschwäche?

 

Definition „Rechenschwäche“

In der internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Rechenstörung die Ziffer F81.2 zugeordnet:

„Diese Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden.“

 

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie schreibt:

„Kindern, die eine Rechenstörung haben, gelingt es nicht, die arithmetischen Grundlagen, die für das erfolgreiche Weiterlernen im Fach Mathematik notwendig sind, zu erwerben. Sie haben die Mathematik von Schulbeginn an grundsätzlich (grundlegend) missverstanden. Ein Scheitern im Grundschulbereich ist vorprogrammiert, denn die Mathematik baut streng hierarchisch aufeinander auf. Wer die ersten Schritte nicht verstanden hat, wird die weiteren – darauf aufbauenden – nicht gehen können.“

 

In gewisser Weise ein Widerspruch: Einerseits werden die „höheren mathematischen Fertigkeiten“ von den „grundlegenden Rechenfertigkeiten“ getrennt betrachtet, andererseits bauen die einen Fertigkeiten unweigerlich auf den anderen auf. Glaubte man der Definition der WHO, so wäre Rechenschwäche vornehmlich ein Problem der Grundschule.

Auch in der Fachliteratur ist keine einheitliche Definition von Rechenstörungen zu finden. Mal werden die Begriffe Rechenschwäche und Dyskalkulie synonym verwendet, mal das eine als schwerwiegenderer Zustand als das andere beschrieben. Viele Gelehrte deutscher Universitäten erachten diese jahrelangen Definitionsunklarheiten mittlerweile als weniger relevant und haben sich auf den Begriff der „Rechenstörung“ geeinigt. Eine konsensfähige Umschreibung dieser Störung ist die Formulierung, dass ein Kind auf Grund noch fehlender Voraussetzungen kein Verständnis für Zahlen, Rechenoperationen und Rechenstrategien aufbauen konnte. Nicht wenige Lehrer und selbst Wissenschaftler tun Rechenschwäche als pseudowissenschaftlichen Nonsens ab, während sich weltweit unterschiedliche Forschungsbereiche seit Jahren an den Universitäten intensiv mit der Thematik Rechenstörungen beschäftigen.

Neurowissenschaftler schieben vermehrt Schüler „in die Röhre“ und diagnostizieren veränderte Hirnaktivitäten, was Verhaltensforscher kritisch betrachten, weil sich daraus nur bedingt Förderprogramme entwickeln lassen.

In anderen Worten: Soll man dann am Gehirn operieren? Oder Stromstöße geben?

 

Es gibt somit viele unterschiedliche Meinungen und Haltungen zu diesem Thema, folglich auch viele unterschiedliche Ansätze, wie einem rechenschwachen Schüler am besten zu helfen sei. Einigkeit herrscht aber darin:

Rechenschwache Schüler leiden unter einem grundlegenden Missverstehen der Mathematik. Sie begreifen nicht, welche Bedeutungen unsere Zahlen und Rechenaufgaben haben. Denn Zahlen stehen zuallererst für Mengen und Rechenaufgaben für Mengenhandlungen. Da diese Schüler hingegen Zahlen nur als Zeichen sehen, aber sich nichts unter ihnen vorstellen können, bleibt ihnen oftmals nur die Möglichkeit, Rechenaufgaben „zählend“ zu lösen oder sich „Tricks“ zu merken … mit oftmals in die Irre führenden Eigenkreationen. Das hinterlässt Ratlosigkeit bei den Lehrenden und Verzweiflung bei den (Nicht)Lernenden.

 

   Entwicklungsverzögerung?

Ich spreche von einer Rechenschwäche („Dyskalkulie“), wenn festgestellt wird, dass Kinder, Jugendliche oder Erwachsene die Phase des „zählenden Rechnens“ nicht verlassen haben, oder nicht zum Erfolg führende individuelle Rechenstrategien (Algorithmen) anwenden, die sich mit dem schulischen Lernverlauf nicht vereinbaren lassen (z.B. 32-15=23 → 3-1=2 und 5-2=3 → 20+3=23). Und insbesondere wenn Sachrechnen nicht zufriedenstellend gelingt, muss von einem brüchigen Fundament mathematischer Kenntnisse ausgegangen werden, welches einen erfolgreichen beruflichen Werdegang gefährden kann … Immer mehr Berufsausbildungen scheitern heutzutage an mangelhaften mathematischen Fähigkeiten.

 

Bei vielen mathematischen Instituten zur Behandlung von Rechenschwäche und anderen Lerntherapeutischen Einrichtungen wird Rechenschwäche als „Entwicklungsverzögerung des mathematischen Denkens“ beschrieben.

Das hieße aber, das Kind sei auf dem richtigen Weg, es brauche nur etwas mehr Zeit …

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… wie ein Zug, der sich verspätet, aber trotzdem noch kommt.

 

   Ist dem so?

 

Da in den meisten Fällen Einsichten im Bereich der Pränumerik (Zahlenverständnis) nicht gewonnen wurden, fehlen dem Schüler die Voraussetzungen für den Übergang zum Operieren mit Zahlen als abstrakte Stellvertreter von Mengen. Diese Störungen beim mathematischen Lernverlauf stellen meines Erachtens kein Krankheitsbild dar, weswegen ich mit der Definition der WHO als Form von Krankheit nicht konform gehe und mich für den Begriff der „Rechenschwäche“ im Sinne einer „Noch nicht“-Situation ausspreche, in der jedoch sofortige alternative Hilfe angezeigt ist, zumal meiner Auffassung nach durchaus falsche Beschulung als ein Grund (von vielen) für diese Form der Lernstörung in Betracht gezogen werden kann.

 

Bei einer Dyskalkulie mangelt es dem Schüler an der Fähigkeit zu abstrahieren, er hat kein Relationsverständnis erworben, er zeigt Schwächen bei der Mengen- und Zahlbegriffsbildung sowie beim Operationsverständnis. Da rechenschwache Kinder folglich häufig auf Zählstrategien angewiesen bleiben, können sie schon im Zahlenraum bis 100 viele Aufgaben nur mühsam bewältigen. Subtraktionen mit Zehnerübergang enden meist mit falschem Ergebnis, die jedoch einer inneren Logik folgen. Ihnen ist gar nicht klar, was sie tun.

 

■   Falsche Beschulung?

Falsch meint in diesem Sinne: Nicht den kognitiven Grundvoraussetzungen des einzelnen Schülers entsprechende Vermittlungswege sowie unreflektierte (in die Irre führende) Verwendung von mathematischer „Fach“sprache (auch „Bildungssprache“ genannt) seitens der Lehrkraft oder der hausaufgabenbetreuenden Eltern, die – ungewollt – vom Schüler gänzlich anders gedeutet wird, als von diesen beabsichtigt. Zudem kann Unterricht durch eine fachfremde Lehrkraft als Ausgangspunkt des Problems in Betracht gezogen werden, ebenso unvorhergesehene sowie (zu) häufige Lehrerwechsel …

… oder aber langzeitige/ intensive (gut gemeinte – jedoch fachlich falsche) Unterstützung durch Eltern oder Nachhilfelehrer bei den Hausaufgaben.

 

■   Mangelnde Intelligenz?

Aufgrund der Gewichtung des Faches in Schule und Alltag kann allerdings oftmals ein Krankheitsbild im Sinne einer sekundären Neurotisierung des nicht-verstehenden Menschen gesprochen werden. Schulangst, Apathie oder provokantes Störverhalten stellen typische Folgeerscheinungen des Nichtverstehens eines Schülers dar, insbesondere da dem Rechnen fälschlicherweise der Mythos des Logischen Denkens anhaftet.

Des Rechnens nicht mächtig sein wird folglich gerade von Schülern als spezielle Form der Dummheit erachtet, was erhebliche psychosomatische Auswirkungen auf den betroffenen Schüler zur Folge haben kann, der bedingt durch mangelnde Rechenfähigkeiten sein Selbstbild massiv in Frage stellt oder schlimmstenfalls von Mitschülern oder sogar Lehrern und eigenen Eltern als „ein bisschen blöd“ bezeichnet wird.

Logisches Denken wird vielleicht in der „höheren“ Mathematik abverlangt, nicht aber beim Erlernen der Arithmetik. Hier sehen sich ABC-Schüler Dutzenden von Widersprüchlichkeiten gegenüber, durch die rechenschwache Schüler stark verunsichert werden oder gar dadurch bedingt erst zu rechenschwachen Schülern werden.

 

   Aufmerksamkeitsdefizit?

Leider zeigen Schüler, die sich schon eine lange Zeit mit ihrem permanent anwachsenden Rückstand im Fach Mathematik konfrontiert sehen, nicht selten typische depressive Verhaltensmuster. Sie wirken apathisch, weichen Fragen aus. Mitunter reagieren manch andere aggressiv, stören gezielt und provozieren … mit demselben Ziel: sich den konkreten Fragen der Erwachsenen zu entziehen, welche die mangelhaften Kenntnisse des Kindes zu Tage fördern. Eine enorme psychische Belastung insbesondere für die Elternteile, welche die meiste Zeit mit ihrem Kind verbringen. Natürlich suchen sie nach Rat und Hilfe.

Doch die Viefalt von heute möglichen Ursachen von Lernstörungen und den damit einhergehenden außerschulischen „alternativen“ Therapieformen für einen erfolglosen Schüler nimmt mittlerweile schwindelerregende Ausmaße an.

Und wenn es dann heißt, das Kind habe – wahrscheinlich – zu wenig Aktivität in der einen Gehirnhälfte, die für das mathematische Denken verantwortlich sein soll, sei wohl als Baby nicht genug gekrabbelt, um ausreichend Raum-Lage-Beziehungen erfühlen zu können, sei zu wenig als Kind rückwärts gelaufen, als dass es ordentlich rückwärts hätte zählen lernen können, habe seine frühkindlichen Reflexe nicht unter Kontrolle und hätte nicht genügend mit seinen Eltern Brettspiele gemacht

… dann wird der schwarze Peter erst einmal an das Kind selbst und seine Eltern weitergereicht.

Die Eltern entwickeln Schuldgefühle, die Therapeuten entwickeln Förderprogramme … die oftmals erstaunlich wenig mit Mathe zu tun haben.

 

Dadurch gewinnen Lehrer (verständlicherweise) mitunter den Eindruck, ein Lerntherapeut stünde auf einer Stufe mit Hokuspokus praktizierenden Wunderheilern.

 

In diese Richtung zielt auch der Vorsitzende des IFRK Niedersachsen (Initiative zur Förderung Rechenschwacher Kinder), Jürgen Rösener, der beklagt, dass in nicht wenigen Therapeutischen Einrichtungen sog. „All-in-one“-Angebote praktiziert werden, bei denen Lerntherapie, Hypnose, Entspannungsmethoden, Konzentrationstraining, Familienberatung u.v.m. nebeneinander den Eindruck vermitteln: „Von allem etwas, aber nichts richtig!“

 

■   Eine Fehlentwicklung …

Das Rechnen lernende Kind sieht sich mit einer ganzen Reihe von sprachlichen Widersprüchlichkeiten konfrontiert, die es am Verstehen, folglich am mathematischen Lernen gehindert haben. Die Lehrkraft, die sich dessen bewusst ist, wird dennoch nicht all die Zeit zur Verfügung haben, diese fehlerhafte Entwicklung ihres Schülers zu korregieren.

Denn eine Lehrerin, die dem rechenschwachen Schüler adäquat helfen will, wird bald schon die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreichen!

Dass sich die Arbeitsbelastung eines Lehrers heutzutage erheblich erhöht hat, ist leider gerade Eltern nicht immer bewusst.

 

   … gemeinsam aufhalten

Daher erhalten Sie im Lernbüro Stade qualifizierte Unterstützung, die Sie in der täglichen Unterrichtsgestaltung entlasten kann.

Schule, Elternhaus und lerntherapeutische Hilfe …

 

… gemeinsam kann für das Kind der richtige Lernweg gefunden werden.